Gedanken zur natürlichen Geburt

Autorin: Hebamme Cornelia Meister

Natürliche Geburt – was ist das?

Ist es eine Geburt ohne Einmischung von außen? Ohne Betreuung? Ohne Medikamente? Ohne Schmerzmittel? Ohne Eingriffe?

Ich glaube, daß es sehr schwierig oder gar unmöglich ist, eine Definition dafür zu finden.

In unserer Klinik hatten wir mal einen Oberarzt, der sagte immer in unseren Informationsabenden, daß eine natürliche Geburt nicht als Geburt zu sehen ist, die ohne Schmerzmittel, PDA oder ähnliches auskommt, sondern daß die natürliche Geburt eine Geburt ist, die der Natur dieser einen Frau entspricht.

Dieser Gedanke hat mir sehr gut gefallen und ist für mich noch am ehesten stimmig.

Die Natur der jeweiligen Frau.

Wenn diese Frau eher ein „Draufgänger“ ist, die ihre anstehenden Aufgaben aus eigener Kraft angeht und „ihrer“ Natur, ihrem Körper vertraut, daß er schon das richtige tun oder signalisieren wird, dann wird sie evtl. keine Schmerzmittel oder irgendein äußeres Zutun benötigen. Wenn eine Frau eher ein“Hasenfüßchen“ ist (ohne weder das eine oder das andere werten zu wollen!!), dann benötigt sie vielleicht Schmerzmittel oder Unterstützung von außen.

Ich finde diesen Vergleich recht gelungen.

Ich bin seit über zwanzig Jahren als Hebamme tätig im Kreißsaal und erlebe Frauen und ihre Geburten immer wieder in „ihren“ Naturen. Und da gibt es –von Seiten der Frauen – kein „falsches“ Verhalten.

Jeder Weg ist richtig.

Und jede wählt –zumindest ein stückweit – ihren Weg, der für sie gehbar ist.

Warum wollen oder sollten wir uns in Bezug auf den Geburtsprozess plötztlich mit den sog. Naturvölkern vergleichen? Hinkt dieser Vergleich nicht ein wenig? Leben wir wie sie, so nah an der eigentlichen Natur? Wenn wir krank sind oder Schmerzen haben, gehen wir zum Arzt oder in die Klinik, werfen uns Schmerzmittel ein  (nicht selten, um zu „funktionieren“, anstatt den Schmerz als Warnung/Signal/Sinn nach Ruhe zu begreifen). Wenn wir einkaufen gehen oder größere Strecken bewältigen müssen, steigen wir in unser Auto und fahren diesen Weg, anstatt zu laufen. Von unserer Ernährung ganz abgesehen. Und plötzlich – wenn die Geburt ansteht – wollen wir wie die Frauen aus dem „Busch“ gebären. Ich glaube, daß das nicht funktioniert. Unser Leben ist so verschieden von dem ihren. Und im „Ernstfall“ sind wir ja auch recht froh um die Fortschritte unserer Medizin und ihre Verfügbarkeit.

Alles in allem müssen wir vielleicht ganz woanders ansetzen.

Im Elternhaus, in der Schule, in der Politik und Wirtschaft –  „ Erziehung“ zu einem gesunden Körperbewusstsein, Umgang mit Erkrankung, Aufklärung und Unterricht in Erziehung und vieles mehr. Aber solang da kein Umdenken erfolgt und weiterhin Algebra und Jahreszahlen auswendig lernen wichtiger sind als bspw. Körperwahrnehmung, Ernährungslehre, Sexualkunde oder Gesundheitslehre, sind wir wohl weit entfernt von einem verbessertem Wahrnehmen unserer eigentlichen Bedürfnisse unseres Körpers oder unserer Seele. Und weit entfernt von der Vorstellung, was eine „natürliche „  Geburt sein könnte.

Jede Frau sollte ihren ganz persönlichen Weg gehen

… in der Geburt und sich darauf gut vorbereiten. Und ob sie das mit Hilfe eines Geburtsvorbereitungskurses, mit Hilfe von Yoga, autogenem Training, Meditation oder geführter Meditation, Hypnobirthing oder ähnlichem macht – das wird sie selbst am besten wissen oder fühlen. Und dafür sollte sie in sich hinein spüren, in ihr Innerstes – denn dieses will ja nach außen gebracht werden.